Ratgeber · Stand: September 2026

Digitalen Produktpass erstellen: Die Anleitung in sieben Schritten

Zwischen dem Verordnungstext und einem fertigen Produktpass liegen sieben konkrete Arbeitsschritte – und der aufwendigste davon hat mit Technik nichts zu tun. Diese Anleitung führt durch den gesamten Ablauf, von der Betroffenheitsprüfung bis zum laufenden Pflegeprozess.

Ein Digitaler Produktpass entsteht nicht in einem Tool, sondern in sieben Arbeitsschritten – und nur die letzten beiden davon sind technischer Natur. Wer mit der Softwareauswahl beginnt statt mit den Daten, stellt nach Wochen fest, dass die entscheidenden Angaben noch bei den Lieferanten liegen. Diese Anleitung geht den Ablauf durch und sagt offen, was heute noch nicht feststeht. Was ein DPP überhaupt ist, klärt der große DPP-Ratgeber.

In sieben Schritten zum Digitalen Produktpass

Der Ablauf ist über alle Branchen derselbe – nur die Datenfelder unterscheiden sich. Die Schritte 1 bis 3 kosten wenige Tage, Schritt 4 zieht sich über Wochen bis Monate, die Schritte 5 bis 7 sind wieder planbar. Für eine D2C-Marke mit 100 bis 300 Artikeln liegt der Aufbau bei gut einer Personenwoche, verteilt über ein Quartal, danach bei wenigen Stunden pro Monat. Über die Kalenderdauer entscheidet die Antwortzeit Ihrer Lieferkette – deshalb steht Schritt 4 so früh wie möglich an.

1. Betroffenheit und Rechtsgrundlage klären

Klären Sie zuerst, welche Verordnung Ihr Produkt erfasst. Für die meisten Konsumgüter ist das die Ökodesign-Verordnung (ESPR), EU 2024/1781, für Batterien einschließlich E-Bike-Akkus die EU-Batterieverordnung 2023/1542 mit dem festen Stichtag 18. Februar 2027, für Spielzeug die Spielzeugverordnung EU 2025/2509. Halten Sie zugleich fest, in welcher Rolle Sie stehen – Hersteller, Importeur oder Eigenmarken-Händler –, denn davon hängt die Haftung ab; die Rollen ordnet der Ratgeber Wer ist für den DPP verantwortlich? ein. Produktgruppe und Stichtag liefert der ESPR-Fristen-Checker, die vollständige Terminlage die Fristen-Übersicht.

2. Pflichtangaben der Produktgruppe bestimmen

Welche Felder ein Pass enthalten muss, legt nicht die ESPR fest, sondern der delegierte Rechtsakt der Produktgruppe. Und hier die unbequeme Wahrheit: Für die meisten ESPR-Produktgruppen ist dieser Rechtsakt bislang nicht verabschiedet – eine verbindliche Feldliste existiert also noch nicht. Das ist kein Grund zu warten, sondern der Grund, jetzt zu beginnen: Der Kernbestand aus Identifikation, Material, Stoffen, Herkunft, Reparierbarkeit, Recycling und Konformität wiederholt sich über alle Verordnungen und Entwürfe hinweg. Wer ihn heute befüllt, hat später Feinarbeit statt eines Neustarts.

3. Datenbestand aufnehmen und Lücken finden

Legen Sie die Feldliste neben Ihren Datenbestand: Was steht in Shopify, ERP oder PIM, was liegt in Lieferantenmails und PDFs, was existiert gar nicht? Stammdaten wie Artikelnummer, GTIN, Modell und Varianten sind meist vorhanden und lassen sich importieren. Regelmäßig fehlen dagegen Herkunft auf Ebene der Produktionsschritte, exakte Materialanteile und der Rezyklatanteil. Ergebnis ist eine Lückenliste je Artikel – sie ist wertvoller als jede Softwareentscheidung.

4. Fehlende Daten bei Lieferanten beschaffen

Dies ist der längste Schritt, und hier bleiben Projekte liegen. Schicken Sie keine offenen Fragen, sondern eine feste Feldliste mit Beispielwerten, Einheiten und verbindlicher Rückmeldefrist – am besten als Tabelle zum Zurücksenden; fertig aufgebaut steht sie im Lieferantenfragebogen für den Digitalen Produktpass als ausfüllbare CSV samt Anschreiben bereit. Rechnen Sie mit mehreren Runden: Die erste Antwort ist selten vollständig, und bei tieferen Ketten muss Ihr Lieferant selbst erst nachfragen. Deshalb ist der Startzeitpunkt der größte Kostenhebel: Abfragen, die nebenbei über Monate laufen, kosten fast nichts – dieselben Abfragen unter Deadline-Druck binden das halbe Team, wie der Ratgeber Was kostet ein Digitaler Produktpass? vorrechnet.

5. Daten strukturieren und validieren

Führen Sie alle Angaben in ein einziges Datenmodell zusammen, statt sie über Tabellen und Systeme zu verteilen. Die wichtigste Entscheidung dabei: Welche Felder gelten je Modell, welche je Variante? Materialzusammensetzung, Herkunft und Zertifikate sind meist modellweit identisch, Farbe, Größe und Artikelnummer variantenspezifisch – wer das nicht trennt, pflegt dieselbe Angabe später zwanzigmal. Validieren Sie anschließend gegen die Pflichtangaben und veröffentlichen Sie erst, wenn kein Pflichtfeld mehr leer ist.

6. Produktpass veröffentlichen und Datenträger erzeugen

Jeder Artikel bekommt eine öffentlich abrufbare DPP-Seite – ohne Login, ohne App – und einen QR-Code, der dauerhaft auf diese Seite auflöst. Der Datenträger gehört ans Produkt: eingenäht, aufgedruckt oder am Anhänger, gut zugänglich und lesbar. Im Fernabsatz reicht das nicht: Der Pass muss bereits im Online-Angebot zugänglich sein, also als Widget auf der Produktseite Ihres Shops. Wie ein fertiger Pass aussieht, zeigt das kommentierte DPP-Beispiel.

7. Pflegeprozess etablieren

Der Produktpass ist kein Dokument, das man abgibt, sondern ein lebender Datensatz. Legen Sie schriftlich fest, wer ihn in welcher Frist aktualisiert – bei Materialwechsel, neuem Lieferanten, auslaufendem Zertifikat oder neuer Kollektion. Halten Sie Änderungen versioniert nach, damit belegbar bleibt, welcher Stand wann veröffentlicht war. Ein abgelaufenes Zertifikat im Pass ist schlechter als gar keine Angabe.

Welche Daten ein Produktpass mindestens enthält

Solange die produktgruppenspezifischen Rechtsakte fehlen, ist die folgende Liste der belastbare gemeinsame Nenner aus ESPR-Kernbestand und beschlossenen Verordnungen – und die Arbeitsgrundlage für Schritt 3.

DatenfeldBeispielWarum gefordert
Eindeutige ProduktkennungArt.-Nr. SL-2041, GTINOhne Zuordnung sind alle weiteren Angaben wertlos
Hersteller und ModellSoda Lingerie, „Modal Soft Bra”Benennt den Verantwortlichen für die Angaben
Materialzusammensetzung60 % Modal, 28 % Polyamid, 12 % ElastanGrundlage jeder Recyclingentscheidung
Besorgniserregende StoffeKeine SVHC oberhalb 0,1 %Schutz von Endkundinnen und Recyclern
Herkunft und ProduktionsschritteStoffproduktion Portugal, Konfektion WienMacht Lieferketten prüfbar statt pauschal „Made in EU”
Reparatur und ErsatzteileReparaturanleitung, Ersatzteile 5 JahreVerlängerte Nutzungsdauer ist ESPR-Ziel
Rezyklatanteil und Recycling20 % Rezyklat, Rücknahme über HerstellerBelegt Kreislauffähigkeit
KonformitätsnachweiseZertifikat gültig bis 06/2027Macht Zertifikate prüfbar
DatenträgerQR-Code am eingenähten EtikettDer Pass muss am Produkt zugänglich sein

Branchenspezifisch kommen Felder hinzu: bei Batterien Zellchemie und CO₂-Fußabdruck, bei Reifen Rollwiderstand, bei Textilien die vollständige Faserzusammensetzung.

Selbst bauen, Vorlage nutzen oder Software?

Für die Erstellung selbst gibt es drei Wege. Welcher passt, hängt weniger vom Budget ab als von der Sortimentsgröße – und daran, wie lange die gedruckten QR-Codes halten müssen.

Route 1 – Tabelle plus statische Seite. Sie sammeln die Daten in einer Tabelle, veröffentlichen pro Artikel eine schlichte Seite auf Ihrer eigenen Domain und erzeugen den QR-Code mit einem Generator. Das ist kein Notbehelf: Bei einer Handvoll Produkten funktioniert es, denn keine Verordnung schreibt ein System vor. Urteil: tragfähig bis etwa zwanzig Artikel ohne Varianten. Darüber kippt es – jede Materialänderung wird Handarbeit, Versionsstände gehen verloren, ablaufende Zertifikate fallen niemandem auf.

Route 2 – Vorlage oder Generator. Sie füllen eine fertige DPP-Vorlage aus und exportieren das Ergebnis als Datei. Der Gewinn ist die Struktur: Sie sehen sofort, welche Felder erwartet werden und welche leer bleiben. Urteil: ideal für den ersten Pass, für Lieferantengespräche und die interne Abstimmung. Als Dauerlösung scheitert sie wie Route 1 – eine Datei bleibt nicht online und ändert sich nicht mit dem Produkt.

Route 3 – DPP-Software. Erfassung, Validierung, Hosting der öffentlichen Seiten, QR-Codes und Versionierung kommen aus einem System, Varianten erben vom Basisartikel. Urteil: ab etwa fünfzig Artikeln die wirtschaftlichere Wahl – vor allem wegen der Änderungsgeschwindigkeit, wenn ein Rechtsakt neue Pflichtfelder bringt. Welcher Anbietertyp passt, trennt der DPP-Software-Vergleich; für kleine Teams lohnt der Ratgeber DPP für KMU.

Kostenlos ausprobieren: der DPP-Konfigurator

Wenn Sie sehen wollen, wie weit Ihr Datenstand trägt, ist der DPP-Konfigurator der schnellste Weg. Sie geben Ihre Produktdaten ein – Pflicht ist nur der Produktname, sinnvoll wird der Pass ab etwa acht Angaben – und sehen sofort einen vollständigen Produktpass mit Identifikation, Material und Herkunft, Zirkularität, Reparatur, Konformität und eingebettetem QR-Code. Dazu zeigt er Rechtsgrundlage, Stichtag und die erwarteten Pflichtangaben Ihrer Produktgruppe. Was Sie offen lassen, erscheint als offener Punkt – das Ergebnis ist damit zugleich Ihre Lückenliste für Schritt 3 und Ihre Gesprächsgrundlage für Schritt 4.

Herunterladen können Sie den Pass als einzelne HTML-Datei, ohne Anmeldung, ein Download ist kostenlos. Sie öffnet sich in jedem Browser, funktioniert ohne Internetverbindung und lässt sich über die Druckfunktion als PDF sichern. Zwei Einschränkungen: Der Pass ist eine Planungs- und Abstimmungshilfe, rechtlich nicht verbindlich und kein Ersatz für eine geprüfte Konformitätsdokumentation. Und eine Datei bleibt eine Datei – dauerhaft unter einer öffentlichen URL erreichbar ist sie nicht. Für ein ganzes Sortiment führt der Weg deshalb weiter zu Schritt 6.

Die häufigsten Fehler

  • Mit der Software anfangen statt mit den Daten. Die Toolauswahl fühlt sich nach Fortschritt an, verschiebt aber nur den Moment, in dem die Lückenliste entsteht.
  • Varianten-Chaos. Wer jede Farbe und Größe als eigenen Datensatz anlegt, pflegt dieselbe Materialangabe vielfach. Modell- und Variantenebene gehören vor der ersten Erfassung getrennt.
  • QR-Codes auf einer fremden Domain. Gedruckte Etiketten leben Jahre. Zeigt der Code auf die Domain eines Dienstleisters, hängt Ihre Ware an dessen Fortbestand – klären Sie vor dem Druck, wem die DPP-URLs gehören.
  • Den DPP als einmaliges Projekt behandeln. Nach dem Go-live beginnt die Pflege. Ohne benannte Verantwortliche veralten Pässe innerhalb einer Saison.
  • Auf den delegierten Rechtsakt warten. Er legt Felder fest, nicht Ihre Lieferantenbeziehungen. Herkunfts- und Materialdaten können Sie heute einsammeln – und genau die dauern am längsten.

Der wichtigste Satz dieser Anleitung ist auch der unspektakulärste: Beginnen Sie bei den Daten, nicht bei der Technik. Stehen Schritt 3 und 4, ist der Rest Handwerk – und wer ihn nicht selbst bauen will, findet in SolveDPP genau die Schritte 5 bis 7: Shopify-Import samt Varianten, Validierung, öffentliche DPP-Seiten mit QR-Code und eine vorlegbare Versionshistorie.

Häufige Fragen

Wie erstelle ich einen Digitalen Produktpass?

In sieben Schritten: Rechtsgrundlage und Frist klären, Pflichtangaben der Produktgruppe bestimmen, vorhandene Daten aufnehmen, fehlende Daten bei Lieferanten beschaffen, alles strukturieren und validieren, den Pass unter einer öffentlichen URL samt QR-Code veröffentlichen und einen Pflegeprozess etablieren. Der zeitaufwendigste Teil ist die Datenbeschaffung, nicht die Technik.

Kann ich einen Produktpass kostenlos erstellen?

Für einen ersten Pass ja. Der DPP-Konfigurator erzeugt ohne Anmeldung einen vollständigen Produktpass mit QR-Code als einzelne HTML-Datei, ein Download ist kostenlos. Für ein ganzes Sortiment brauchen Sie Pässe, die dauerhaft online erreichbar bleiben und sich mit dem Produkt ändern – das leistet eine Datei nicht.

Wie lange dauert es, einen Produktpass zu erstellen?

Die Datenerhebung liegt je nach Ausgangslage bei etwa 15 bis 60 Minuten pro Artikel. Für eine D2C-Marke mit 100 bis 300 Artikeln summiert sich das auf gut eine Personenwoche, verteilt über ein Quartal, danach wenige Stunden pro Monat für die Pflege. Wartezeiten auf Lieferantenantworten kommen hinzu und bestimmen den Kalendertermin stärker als der reine Arbeitsaufwand.

Welche Daten brauche ich für einen Produktpass?

Mindestens: eindeutige Produktkennung, Hersteller- und Modellangaben, Materialzusammensetzung in Prozent, Angaben zu besorgniserregenden Stoffen, Herkunft beziehungsweise Produktionsschritte, Hinweise zu Reparatur, Rücknahme und Recycling sowie Konformitätsnachweise. Die verbindliche Feldliste legt der delegierte Rechtsakt Ihrer Produktgruppe fest.

Brauche ich eine Software für den Produktpass?

Rechtlich nicht. Gefordert ist ein maschinenlesbarer, öffentlich abrufbarer Datensatz mit Datenträger am Produkt – womit Sie ihn erzeugen, schreibt keine Verordnung vor. Praktisch lohnt Software ab dem Punkt, an dem Varianten, Versionierung, dauerhaft auflösende QR-Codes und Rechtsakt-Änderungen zusammenkommen; bei einer Handvoll Produkten geht es auch ohne.

Kann ich einen Produktpass in Excel erstellen?

Für die Datensammlung ist eine Tabelle ein guter Startpunkt, und für Lieferantenabfragen ist sie kaum zu schlagen. Als Produktpass selbst reicht sie nicht: Der Pass muss öffentlich abrufbar, maschinenlesbar und über einen dauerhaften Datenträger erreichbar sein. Die Tabelle bleibt also die Quelle, nicht das Ergebnis.

Digitale Produktpässe mit SolveDPP erstellen

Mit der DPP-Software von SolveDPP erfassen, validieren und veröffentlichen Sie Produktpässe gemäß ESPR und EU-Batterieverordnung – inklusive Shopify-Import und KI-Unterstützung.